ptz/RPI-Jahrestaung 2009

Gute Schulen fördern alle Kinder
Erste gemeinsame Jahrestagung von RPI und ptz
„Gekonnter und achtungsvoller Umgang mit Vielfalt wird für unser Leben und Lernen immer wichtiger …“.Mit dieser zentralen These nahm der Hauptreferent Professor Peter Fauser, Erziehungswissenschaftler an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, das Thema der diesjährigen Jahrestagung auf: „Gelungener Umgang mit Heterogenität in der Schule“. Sie bestätigte sich auch in allen Praxisbeispielen der ersten gemeinsamen Jahrestagung des Religionspädagogischen Instituts Karlsruhe (RPI) und des Pädagogisch-Theologischen Zentrums Stuttgart (ptz) am 16. November 2009 in Stuttgart-Birkach.
Die in jeder Lerngruppe vorhandene Vielfalt erfordert laut Fauser die Förderung der einzelnen Kinder: „Gute Schulen individualisieren Unterricht und Erziehung und fördern alle Kinder in gleicher Weise. Sie kennen, erkennen und anerkennen Unterschiede der Begabung, der Herkunft, der Leistung oder Interessen und sind fähig, diese Unterschiede für das gemeinsame Lernen der Kinder und Jugendlichen hilfreich aufzugreifen.“ So erleben Kinder und Jugendliche, dass sie in ihrer Einzigartigkeit wahrgenommen, akzeptiert und gefördert werden.
Für die Schule bedeutet dieser Ansatz ein radikales Umdenken: es geht nicht darum, dass Lehrende den „Stoff“ mit Hilfe bestimmter Methoden an lernende Kinder vermitteln. Ausgangspunkt ist dagegen das eigene, aktive, verständnisintensive und kompetenzbildende Lernen des Kindes. Damit das Gelernte tatsächlich in verantwortungsvolles Handeln umgesetzt werden kann, bedarf es zusätzlich einer Verknüpfung von Lebens- und Lernverhältnissen.
Die in sechs Foren vorgestellten baden-württembergischen Praxisbeispiele zeigten, wie fruchtbar sich Vielfalt und das gemeinsame Erziehen und Unterrichten für alle beteiligten Schülerinnen und Schüler auswirken. Heterogenität erweist sich für alle als entwicklungsfördernd, sei es in der Kooperation von Grund- und Sonderschule, zwischen der Grundschule und der Schule für Geistig- bzw. Körperbehinderte oder der Kooperation von Haupt-, Realschule und Gymnasium.
Die Tagung war ein weiterer Schritt zur Umsetzung des gemeinsamen Schulpapiers der Badischen und Württembergischen Landeskirchen „Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung – Perspektiven der Evangelischen Landeskirchen für die aktuelle Bildungs- und Schulpolitik in Baden-Württemberg“. Die breite Resonanz der Tagung durch die zahlreich Teilnehmenden aus staatlichen und kirchlichen Bildungsinstitutionen belegt die Relevanz dieses Engagements für mehr Bildungsgerechtigkeit.

ptzJahrestagung 2008

Kein Kind verloren geben – evangelische Bildungsperspektiven
Bericht zur Jahrestagung des ptz 2008
Den Kindern bzw. Jugendlichen ‚am Rande’ unseres Schulsystems, den schwierigen Schülerinnen, den „Schulversagern“, die abgeschoben werden und die ggf. ohne Abschluss das Schulsystem verlassen (müssen), widmete sich die Jahrestagung des Pädagogisch-Theologischen Zentrums (ptz) für Multiplikatoren aus Schule und Kirche im Bildungsbereich am 17. und 18. November 2008. Es ging um „Widerspenstige, Gordische Knoten und Tabus“.

Kinder wahrnehmen
OKR Baur eröffnete die Tagung mit einem vehementen Plädoyer dafür, Kinder als Personen wahrzunehmen mit ihren jeweiligen Lebens- und Lernproblemen, aber auch mit ihren ganz persönlichen Lernchancen. Hier wurde theologisch erinnert an die Wahrnehmung und Anerkennung des Menschen als Person durch Gott.
Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien und Lebenskontexten haben, wie die neuesten PISA-Ergebnisse wieder zeigen, eine deutlich schlechtere Chance auf persönliche Bildungserfolge. „Nun zeig mal, was du kannst!“ sagte der Besucher aufmunternd und erwartungsvoll. Der Schüler antwortete: „Ich kann doch nix, deshalb bin ich auf der Hauptschule!“ Hier wurde theologisch erinnert an die Würde aller Menschen als Geschöpfe Gottes.
Kinder und Jugendliche erfahren ihren „Wert“, wenn sie anerkannt und gebraucht werden. Kinder und Jugendliche sind stolz darauf, wenn sie etwas geleistet haben. Wenn dies anerkannt wird, möglicherweise sogar öffentlich, entwickeln sie ihre Lust daran, Sinnvolles zu tun. Jugendliche brauchen Bewährung statt Belehrung, formuliert Hartmut von Hentig.
„Widerspenstige, Gordische Knoten und Tabus“
Diese Stichworte benennen drei Herausforderungen, unter denen Schulen und Lehrpersonen, zu denen ja auch Pfarrerinnen und Pfarrer gehören, tagtäglich stehen. Sie benennen zugleich die besonderen Ansatzpunkte für teils schon erprobte, teils noch zu entwickelnde Handlungsperspektiven aus evangelischer Bildungsverantwortung. Zum einen muss es darum gehen, die Kinder und Jugendlichen selbst aufmerksam in den Blick zu nehmen, ihre persönlichen Stärken zu entdecken und gezielt zu fördern. Wer erfahren hat, dass er oder sie etwas besonders kann, der traut sich mehr zu, wird lernbegierig erprobt sich möglicherweise auch in anderen Feldern. 
Schule anders denken
Zum zweiten müssen Kindern und Jugendlichen Räume zu eigener Gestaltung wie zur Mitarbeit eröffnet werden, in denen sie übernehmen und sich entwickeln können. Urspring, das einzige Landerziehungsheim in Evangelischer Trägerschaft, bietet verschiedene solcher Erprobungs- und Bewährungsräume. Frau Sund, die derzeitige Direktorin, stellt sie vor. Neben dem Abitur kann man in Urspring durch eine berufliche Ausbildung, die Freisprechung erlangen als Damenschneider/in, Schreiner/in, Maschinenbaumechaniker/in, Verfahrensmechaniker/in für Kunststoff- und Kautschuktechnik. Bewähren kann man sich aber auch im Sport, v.a. im Basketball. Das Basketballinternat Urspring gewinnt seit Jahren Meisterschaften in einer bzw. mehreren Altersklassen. Das neue Freizeitzentrum bietet viele Einsatzmöglichkeiten, bei denen SchülerInnen Verantwortung übernehmen können und müssen.
Wie ‚Gordische Knoten’ wirken bisweilen manche strukturellen Voraussetzungen, die an der Schule anzutreffen sind – von der Stellung des Religionsunterrichts an der Schule über die Vernetzung mit der Jugendhilfe samt wechselnden Zuständigkeiten bis hin zur Größe der Lerngruppen. 1/3 dessen, was man gelernt hat, wird formell, also durch Lehre – etwa in Kindertagesstätte und Schulen, aber auch in der Erwachsenenbildung gelernt, 2/3 informell, also im Leben.
Und es gibt nach wie vor Tabus, z.B. im Umgang mit der Heterogenität von Lerngruppen oder im Verhältnis eines mehrgliedrigen Schulsystem, das systemisch mehr Kinder aussortiert als fördert, zur der von kirchlicher Seite angemahnten Bildungs- bzw. Befähigungsgerechtigkeit?
Schulpapier: Eintreten für die Kinder und Jugendlichen
Am Ende der Tagung stand das Ende September 2008 gemeinsam von den beiden Evangelischen Landeskirchen in Baden und in Württemberg veröffentlichte Positionspapier mit dem Titel „Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung – Perspektiven der Evangelischen Landeskirchen für die aktuelle Bildungs- und Schulpolitik in Baden-Württemberg“ das sich nicht scheut, in seinen Konkretionen auch gordische Knoten und Tabus anzusprechen. Zwei Perspektiven durchziehen die vorgeschlagenen „Eckpunkte einer verantwortlichen Schulpolitik“: der Blick auf die Kinder und Jugendlichen, die am Rande des Schulsystems und der Gesellschaft stehen, und der Blick auf das System, das eine größere Bildungsgerechtigkeit entschiedener fördern muss. „Wir fordern um der Kinder und Jugendlichen willen, dass mit Schülerinnen und Schülern an ihren Stärken gearbeitet wird und sie nicht auf ihre Defizite festgelegt werden.“ Die Diskussion zeigte, dass das Papier durchaus verstanden wird. Es lässt sich nicht in (vor-) schnelle Schlagworte übersetzen, sondern gibt Impulse für alle Verantwortlichen, insbesondere die Kirchen selbst. 
Einblicke in Versuche
… wurden in drei Foren geboten. Fachleute erläuterten, wie Schule, Jugendhaus und Polizei präventiv zusammenarbeiten können, wie ein Ausbildungsprogramm Mediation und Gewaltprävention in Schulen fördert sowie das Konzept einer Tübinger Schule, die längeres gemeinsames Lernen ermöglicht. Allesamt Wege um Kindern und Jugendlichen, die vielen als verloren gelten, neue Chancen – auch zum Lernen - zu geben.
Kinder und Jugendliche von der Straße holen
durch persönlichkeitsstärkende Arbeit mit „widerspenstigen“ Schülerinnen und Schülern. Der Präventionsbeamte und Polizeihauptkommissar Werner Mast berichtete über ein Projekt, bei dem Kinder und Jugendliche zwischen acht und einundzwanzig Jahren, aus achtzehn Nationen und einundzwanzig Schulen von der Förderschule bis zum Gymnasium, acht Monate lang gemeinsam ein Musical erarbeiteten. Nach Auskunft von beteiligten Jugendlichen bestand der eigentliche Wert dieses Projektes in dem Prozess des gemeinsamen Arbeitens vom gemeinsam entwickelten Drehbuch über den Umgang mit Gruppenkonflikten bis hin zur Entdeckung besonderer Fähigkeiten im Tanzen, im Schminken, bei Bühnenbild und Lichttechnik oder beim Singen. Das Projekt wurde durch eine Vernetzung von Polizei, Jugendhaus und Allgemeinem Sozialdienst (ASD) ermöglicht.
Gewaltprävention und Mediation in der Schule
Alexander Röchling vom Landeskriminalamt und Sandra Brenner (Staatliches Seminar für Lehrerbildung in Sindelfingen) stellten ein Kooperationsprojekt zur Ausbildung von SchulmediatorInnen vor. Die Ausbildung befähigt Lehrende, Schülerstreitschlichtung an ihren Schulen zu etablieren. In den Schulen können somit Konflikte unter SchülerInnen durch SchülerInnen gelöst werden. Auch diese Arbeit ist für alle beteiligten Kinder und Jugendliche persönlichkeitsstärkend – sowohl für die Streitschlichter als auch die Konfliktpartner, die damit erleben, dass sie Experten nicht nur für ihren Konflikt, sondern auch für „ihre Lösung“ sind.
Gemeinsam Lernen mit Heterogenität
Gemeinsames Lernen in den Klassen 1 bis 10 ist das Konzept der „Neuen Sekundarschule Tübingen“. Thomas Rau, Lehrer an der ‚Französischen Schule’ in Tübingen und Mitglied dieses Arbeitskreises, warb für den Schulversuch „Haus des Lernens“, der Primar- und Sekundarstufe umfassen soll, um zu erproben, ob und wie gemeinsames Lernen verschiedene Befähigungen fördern und Bildungsgerechtigkeit verstärken kann. Zurzeit werden in Tübingen an der Französischen Grundschule die Klassen 1-3 gemeinsam unterrichtet.
Margit Metzger / Gerhard Ziener 
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